Die griechische Ägäis, das Meer der Legenden und Sagenwelt des klassischen Altertums, welches seit jeher Geheimnisse und Schrecken in sich birgt; sogar in unserer Zeit gibt es dort noch Schrecken, die uns Joe DAmato mit seinem vorliegenden Opus ANTROPOPHAGUS nahe bringt. Wenngleich die Nachwirkungen, welche diese Horrormär in den zarten Gemütern vermeintlich unerschrockener Seelen mit sich führte, das größte Entsetzen sein sollten.
Dabei scheint die Geschichte um eine Gruppe gutgelaunter junger Leute, die während einer Segeltour auf einem abgelegenen Eiland anlegen und dort auf den personifizierten Wahnsinn in Gestalt eines kannibalischen Eremiten treffen, der nach einem Schiffbruch gezwungen war, Frau und Sohn zu verspeisen, um zu überleben, auf dem ersten Blick gar nicht so spektakulär zu sein, wie die Unvoreingenommenen es erwarteten. Das Gewaltpotential ist erstaunlich niedrig und die größtenteils langsame Erzählstruktur stößt bei vielen Betrachtern auf wenig Gegenliebe. Dabei verströmt gerade diese eigenwillige Inszenierung eine extrem klaustrophobische Stimmung.
In der ersten Hälfte scheint die Story, so wie die Segelyacht, mit der sich die Gruppe auf dem Weg zur Insel macht, auf dem blauen Meer vor sich hin zu gleiten. Doch wie es die Gesetzmäßigkeiten innerhalb des Horrorsystems vorschreiben, werden mit kleinen Handlungskeilen beunruhigende Vorahnungen in die trügerische Idylle geschlagen. Diesbezüglich steht die spiritistisch veranlagte Schwester eines Protagonisten im Mittelpunkt, obwohl sie gegenüber den anderen zurückhaltend und zunächst im Hintergrund des Geschehens weilt, rückt sie aufgrund ihrer Ahnungen auf die grauenhaften Erlebnisse, die ihnen bevorstehen, unauffällig in den Vordergrund.
Denn die Erwartungen des Betrachters erfüllend, werden die Vorahnung Wirklichkeit, als die Freunde in dem menschenleeren Dorf des Eilands nach Hinweisen suchen, die ihnen über die seltsamen Ereignisse, die hier geschehen sein müssen, Klarheit verschaffen könnten. Zur selben Zeit verschwindet ihre hochschwangere Freundin und die Segelyacht treibt offenbar grundlos abgetrieben vor der Küste. Als sie in einem großen Familienanwesen übernachten, treffen sie hier auf ein blindes Mädchen, das in ständiger Angst lebt; vor Jemanden, der für das rätselhafte Verschwinden der Inselbewohner verantwortlich sein muß und nach Menschenblut riecht.
Bis dahin ist das personifizierte Grauen noch nicht in direkter Erscheinung getreten abgesehen von den beiden Schockmomenten am Anfang, für die der Regisseur sein titelgebendes Ungetüm dennoch nicht zu erkennen gibt , doch diese Omnipräsenz durchzieht die gesamte Geschichte und ist nicht nur für die Protagonisten bedrückend spürbar, sondern auch für den Zuschauer. Und bis kurz vor seiner wirklichen Anwesenheit bleibt es unklar, wer oder was dieses Ungeheuer eigentlich ist, das den Ursprung für diese grausige Robinsonade bildet. Schließlich entläßt die Aura der Dunkelheit, zerfetzt von zuckenden Blitzen und krachendem Gedröhn des nächtlichen Gewitters, das menschliche Schreckgespenst und für seine Opfer gerät die Geisterstunde zur Spielzeit des Terrors. Und selbst der bevorstehende Tag reißt an Widerwärtigkeiten nicht ab, denn der Menschenfresser dezimiert sie nach einander. Doch die letzten beiden Überlebenden setzen sich zur Wehr: Von mehreren Hieben einer Spitzhacke schwer verwundet, verschlingt der Wahnsinnige am Ende seine eigenen Gedärme.
Die abstoßende Schlußsequenz offenbart die unterschwellige Tragik der Geschichte, die vielleicht ihren Einfluß aus dem Flugzeugabsturz in den Anden im Jahre 1972, doch zumindest direkt aus Dantes Göttlicher Komödie entnimmt. Die von George Eastman dargestellte Figur entspricht in seiner charakteristischen Ursprünglichkeit dem Grafen Ugolino, der aus einer Notsituation heraus seine Lieben verspeist und darüber den Verstand verliert. Die Schlüsselszene erlebt der Zuschauer in einer Rückblende, in welcher unter brennender Sonnenhitze der Überlebensdrang in einer viehischen Gier überhand nimmt und jegliche Vorstellung moralischer wie ethischer Würde vertilgt. Doch gleichzeitig mutiert der Familienvater zu einem Menschenmonster, das wie der legendäre Zyklop Polyphem, in einer Höhle hausend Angst und Entsetzen verbreitet. Hierbei spielt nicht nur Eastmans beeindruckende Statur, sondern auch das photografische Geschick DAmatos eine wesentliche Rolle, der es versteht in bestimmten Positionen die hoch gewachsene Gestalt seines Darstellers ins Riesenhafte zu steigern. Die physische Überlegenheit geht Hand in Hand mit einer unvorstellbaren Greuelhaftigkeit, die insbesondere in einer Szene pointiert wird, in der der Menschenfresser den Fötus aus dem Bauch der Mutter reißt und auffrißt. Was sich wie der Gipfel filmischer Perversion anhört und als abschreckendes Paradebeispiel besorgter Jugendschützer diente, ist tatsächlich alles andere als krank. Diese und ähnlich geartete Szenen sind delirierend, die einzig die menschliche Imagination provozieren, aber nie imitiert werden können. Und gerade die Imagination treibt den verstörten Betrachter dazu, die Fäden der Abscheulichkeit weiterzuspinnen (aus dem Hineinbeißen wird das Auffressen).
Der Film ist auch in Fankreisen nicht unumstritten und so schwanken die Meinungen sowohl in eine positive als auch in eine sehr negative Richtung. Dabei verschließen sich den kritischen Betrachtern die Stärken des Films, die normalerweise als Schwächen abgetan werden. Die geradezu lethargische Erzählstruktur läßt in größtenteils taghellen Szenen den wandelnden Irrsinn unter der heißen Sonne spürbar werden, sofern man gewillt und fähig ist, sich darauf einzulassen. Die gerade mal ausreichenden Leistungen der Darsteller mit Ausnahme von George Eastman sind für diesen Film unerheblich. Hier gewinnt die Atmosphäre die Oberhand, die zuweilen gotische Ausprägungen zur Schau stellt, wenn Hauptdarstellerin Tisa Farrow nächtens über den Friedhof irrt; Darsteller im Blitz- und Kerzenlicht Schatten an die Wände werfen oder schlichtweg in die Abgründe des Hades hinab zu steigen scheint, wenn die Kamera durch die uralte Grabstätte in der tiefen Felsengrotte fährt.
Untermalt wird das ganze vom experimentellen Score des mittlerweile verstorbenen Marcello Giombini, der es versteht die Stimmung jeder Szene von minimalistischen Klangcollagen bis hin zu sakralen Orchestrierung in ihrer Eindringlichkeit zu intensivieren. Daher ist der Soundtrack, der übrigens nie auf einem offiziellen Tonträger zu hören war, losgelöst von der Visualität des Films nichts weiter als langweiliges Geklimper.
ANTROPOPHAGUS ist seinerzeit nicht nur einer der kontroversesten Filme gewesen, der sich zweifellos auch von der hiesigen staatlichen Förderung ernährte, sondern er zählt auch heute noch zu den Großen des Exploitation-Kinos. Und allen Unkenrufen zum Trotze schaffte es Joe DAmatos Touristenschocker sogar, in seiner einzigartigen Verschmelzung mythologischer Legenden und historischer Tatsachenberichte, aus der Enge genretypischer Klischeehaftigkeit zu entwachsen und einen eigenen Mythos aufzubauen.