In diesem Bereich soll auf den atmosphärischen Score zu "Antropophagus" sowie auf seinen Komponisten Marcello Giombini eingegangen werden.

 

Leider existieren nur sehr wenige Bilder von Maestro Marcello Giombini.

 

Im Jahre 1980 bekam der am 24. Juli 1928 in Rom geborene, klassische Komponist Marcello Giombini von Aristide Massaccesi den Auftrag Scores für zwei seiner Filme zu komponieren.

Giombini machte sich aber auch schon vorher bei Filmmusikfreunden eine Namen. Mit den Scores zu „Ehi amico, c'è Sabata, hai chiuso!“ (1969) und „…4 …. 3… 2…1…morte“ (1967), welchen er zusammen mit dem spanischen Komponisten Antón García Abril , der die Musik zu den „Reitenden Leichen“-Filmen komponierte, produzierte, wurde er auch schon in Filmkreisen sehr bekannt. Überwiegend war er jedoch im Bereich des klassischen Barock und der christlichen Musik zuhause. Was viele nicht wußten ist die Tatsache, daß Marcello Giombini aber auch Musik zu alten Commodore C-64-Spielen komponierte.

Giombinis Sohn, Pier Luigi, ist ebenfalls Komponist und Produzent. Aus seiner Feder stammte der bekannte Italo-Disco Hit „I like Chopin“ des italienischen Sängers Gazebo aus dem Jahre 1983.

Der zweite Auftrag neben „Antropophagus“ war die musikalische Untermalung zu dem anderen Film von Joe D’Amato, nämlich „Le notti erotiche dei morti viventi“, wobei er das Pseudonym Pluto Kennedy annahm. Beide Scores wurden gleichzeitig produziert und aufgenommen.

Giombini ließ sich bei der musikalischen Untermalung zu „Antropophagus“ durch viele musikalische Aspekte inspirieren. Zum einem von der klassischen, griechischen, traditionell-volkstümlichen Sirtaki-ähnlichen Musik, wie sie z.B. in der Titelmusik, die er „Padre Snaturato“ nannte, und in dem Thema, als Andy (Saverio Vallone) durch Athen fährt, um seine Freunde abzuholen, zu hören sind. Zum anderen adaptierte er für den Score zu „Antropophagus“ klassische Barockmusik und vertonte sie mit Synthesizern, Kirchenorgeln sowie sakralen Chorgesängen.

Der bekannte Track (ich nenne ihn „Tema di Antropophagus“), welcher in verschiedenen Instrumentierungen des öfteren im Film zu hören ist – zum einen, als man den „Menschenfresser“ das erstemal im Film zu sehen bekommt, zum anderen als Schlußthema des Films –, ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Adaption des Werkes „Funeral of Queen Mary“ des englischen Komponisten Henry Purcell.

Es ist jedoch zu erwähnen, daß Maestro Giombini auch durch die Filmmusik zu Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ von Walter/Wendy Carlos beeinflußt war, der/die die Adaption klassischer Werke auf dem Synthesizer populär gemacht hatte(n).

Giombinis Erinnerungen nach wurde der Score zu „Antropophagus“, wie auch zu „Le notti erotiche dei morti viventi“, mit zwei ARP 2600 Halbmodularen Synthesizern eingespielt. Halbmodular bedeutet neben der internen Verdrahtung im Gerät, daß man verschiedene Module des Synthesizers, wie z.B. Oszillatoren und Filtermodule, per Kabel miteinander verknüpfen konnte. Zudem wurde noch eine große Kirchenorgel, sowie ein Chor für die Aufnahmen verwendet. Die sakralen Chöre wurden zum Zwecke der elektronischen Verfremdung jedoch noch mal durch die Synthesizer gejagt.

Daraus entstanden sehr atmosphärische Kompositionen wie z.B. während der Szenen, als die Protagonisten des Films das verlassene Dorf durchsuchen, oder das elektronisch-pulsierende Stück, das während der Szenen in den Katakomben, zu hören ist. Ebenfalls bemerkenswert sind die sakralen Chöre, die ganz besonders während den soeben erwähnten Katakombenszenen als auch während des Showdowns im Brunnen eine starke Verwendung finden.

Weiterhin seien noch die freilaufenden Synthbass-lastigen16tel-Arpeggiomuster, gemischt mit Kirchenorgeln, zu erwähnen, die man während der Jagd des Menschenfressers nach Julie und Henriette durch die Villa zu hören bekommt. Giombinis Angaben zufolge nahm er 16 Tracks für den Film auf. Das ganze wurde auf zwei TEAC 8-Spur Bändern aufgenommen und gemischt. Dieses Band wurde später für die Mischung für den Audiotrack des Films mit den Geräuschen (der sogenannte IT-Track) und den Dialogen auf Mono Licht-Ton zusammengemischt.

Da es jahrelang sehr viele Fragen nach diesem Score gab, nahm ich im Jahre 2002 Kontakt zu Maestro Giombini auf. Seinen Angaben zufolge sowie unzähliger Korrespondenz mit dem Musikverlag NAZIONALMUSIC S.a.s in Mailand, teilte man mir mit, daß es keinerlei Masterbänder der Originalaufnahmen mehr in den Archiven gäbe. Es ist teilweise üblich, und das nicht nur in Italien, solche Bänder nicht zu archivieren. Leider!

Selbst der Maestro hatte keinerlei Aufnahmen in seinem persönlichen Archiv. Auch durch Kontakte zu einigen italienischen Filmmusikfreunden und der italienischen S.I.A.E (das italienische Gegenstück zur GEMA) wurde mir dieser Fakt bestätigt. Somit wird man auf eine CD mit den Originalaufnahmen des Scores zu „Antropophagus“ leider verzichten müssen.

Auch die Idee, die Musik von ihm neu aufnehmen zu lassen, welche er sehr interessiert wahrnahm, zerschlug sich allerdings. Der Maestro verstarb am 12. Dezember 2003 in Assisi.

Jedoch, ebenfalls im Jahre 2003, nahmen die deutschen Musiker Roger Conrad und Deak Ferance ein Projekt in Angriff, verschiedene Musikstücke des Filmes neu aufzunehmen und zu produzieren. Diese Neuaufnahmen, die in aller Welt bei Soundtrack-Freunden großen Anklang fanden, da sie des öfteren im Internet auftauchten, sollen im Zuge einer Veröffentlichung einer „Best of Joe D’Amato“ Soundtrack-CD des bekannten Labels BEAT Records aus Rom im Dezember 2005 veröffentlicht werden.

Einen Link zu der nun von Signora Maddalena Boni verwalteten Homepage und einen Link zur Filmographie von Marcello Giombini, findet Ihr unten.

Homepage von Marcello Giombini

Disco-und Filmographie

 

Mit zwei dieser Synthesizer vom Typ "ARP 2600" wurde die Musik zu Antropophagus eingespielt.

Mehr zur Entstehungsgeschichte und zu den technischen Daten des "Arp 2600" erfahrt ihr

Hier !

 

 

"Antropophagus Thema" in der Transkription von Roger Conrad